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Nigel Kennedy & Band
Kennedy Meets Gershwin
Gastspiel
29.03.2020
Spielstätte
Diese Produktion steht leider nicht mehr auf dem Spielplan
Stückinfo
Eindringliche Erzählkunst
Nigel Kennedys eigene Komposition The Magician of Lublin ist inspiriert vom gleichnamigen Roman des 1904 im polnischen Radzymin geborenen Isaac Bashevis Singer – der bislang einzige jiddische Schriftsteller, der für sein Gesamtwerk mit dem Nobelpreis für Literatur (1978) ausgezeichnet wurde. Er erhielt ihn "für seine eindringliche Erzählkunst, die mit ihren Wurzeln in einer polnisch-jüdischen Kulturtradition universale Bedingungen des Menschen lebendig werden lässt". Literatur im Spannungsfeld zwischen Religion und Moderne also, zwischen Mystizismus und rationaler Einsicht, deren stilistische Vielfalt einzigartig ist. Im Zentrum der Geschichte steht Yasha Mazur: Akrobat, Zauber- und Liebeskünstler im Polen des späten 19. Jahrhunderts. Er zieht von Ort zu Ort und von Abenteuer zu Abenteuer, um dem Publikum seine magischen und artistischen Talente zu präsentieren. Bei Gelegenheit bricht er Frauenherzen und ständig ist er darum bemüht, dem jüdischen Glauben seiner Väter zu entfliehen: Denn Yasha Mazur will nach seinem eigenen Gesetz leben. Der Roman besticht nicht zuletzt durch die feinsinnige Ironie des Autors, changierend zwischen charmantem Hintersinn und beißendem Sarkasmus. Das Spannungsfeld zwischen jüdischer Tradition und literarischer Moderne lässt dabei so manche Fallhöhe aufscheinen, eröffnet zugleich jedoch einen hohen poetischen Reiz in der Idee des unumgänglichen Dialogs und Miteinanders.
Die Nähe Kennedys zu diesem Stoff entspringt der polnischen Herkunft seiner Frau, durch die er bis heute viel und intensiv gelebte Zeit in Polen verbringt. Seine Musik spiegelt die bunte, lebendige Welt der jüdischen Gemeinden vor der Shoah ebenso wider wie den tiefen, sublimierten Schmerz über ihren Verlust. Doch in ihr schwelt auch die Hoffnung, dass jene pralle, farbige Lebendigkeit, die die jüdischen Gemeinden einst ausmachte, eine neue Chance in der Zukunft bekommen möge. Die aktuellen Gefahren von Antisemitismus und Rassismus verkennt Kennedy dabei keineswegs – doch "es gibt zu viele intelligente und gute Menschen in Polen, als dass das für immer so weitergeht." Worte des bekennenden Europäers, der gewachsene Freundschaft nicht durch den Kleingeist der Politik gefährdet sehen möchte, der die Rolle des Künstlers in der Gesellschaft jedoch auch nicht überschätzen will. Umso wichtiger, persönliche Schlaglichter zu setzen.
Anything goes
Ein zweiter Mentor und Fixpunkt in der künstlerischen Entwicklung Kennedys war Stéphane Grappelli. Ein echter Gegenpol zu Menuhin – oder vielleicht die perfekte Ergänzung und sicherlich prägend für Kennedys Lust am Dialog über Stilgrenzen hinweg. Mit Grappelli, der in den 1930er-Jahren an der Seite des Gypsy-Gitarristen Django Reinhardt populär geworden war, kam er erstmals als 13-Jähriger an der Menuhin Music School in Kontakt – und war spontan fasziniert vom warmen Klang und der Flexibilität im Spiel des legendären Geigers. Grappelli nahm Kennedy unter seine Fittiche, und mit gerade einmal 16 Jahren lud er ihn ein, gemeinsam in der New Yorker Carnegie Hall zu spielen. "Grappelli war so eine Art Onkel für mich, eine charmante, elegante, überschwängliche, spaßhungrige Person und vermutlich der beste Botschafter für die Violine, den wir (die Schüler der Menuhin School) jemals erlebt hatten. Als er die Bühne betrat, fing er nicht etwa an, über seine Musik zu dozieren oder Witze zu erzählen. Er spielte einfach. Er war einer jener Musiker, die es verstehen, bei den Menschen anzudocken, und er nutzte sein Instrument als Ausdrucksmittel für die überbordende Lebensfreude, die sein Herz erfüllte. Dafür liebten ihn die Menschen." Grappelli war auch Kennedys Brücke zu Gershwin. Eine typisch "amerikanische Musik", die den kulturellen Schmelztiegel der USA verkörpert, war ja überhaupt erst im Laufe des 20. Jahrhunderts entstanden, und das Ergebnis steht für den Optimismus eines "anything goes" und verkörpert ein starkes Gefühl individueller Freiheit. George Gershwin, als Sohn russisch-jüdischer Emigranten in New York geboren, war mit einem bunten Stilmix aus Klassik, Schlagern, Ragtime und Jazz großgeworden, und so kombiniert auch seine eigene Musik kühne Harmonien, Blue Notes, Swing und synkopierte Rhythmen. Nigel Kennedy sagt: "Gershwins Musik ist eine großartige Werbung für Vielfalt. Sein einzigartiges Zusammenführen von Jazz, den Charakteristika jüdischer Melodien und der Energie der Stadt New York machen es unmöglich, auch nur einen Hauch von Vorurteil zu empfinden. Er steht für Freundschaft und Pathos und für jede Menge positive Energie."
Nigel Kennedy
ist einer der schillerndsten Exzentriker der
klassischen Musik und zugleich eines der begnadetsten Genies auf der Violine.
Im Alter von 16 Jahren wurde er Schüler von Dorothy DeLay an der Juilliard
School of Music in New York. Wiederholt erhielt er aber auch beim Meister der
Jazz-Geige, Stéphane Grappelli, Unterricht in Jazz-Improvisation. Seit seinem
Konzertdebüt mit Mendelssohns Violinkonzert 1977 in der Londoner Royal
Festival Hall mit dem Philharmonia Orchestra unter Riccardo Muti ist Kennedy
einer der gefragtesten Geiger unserer Zeit. Ab 1980 trat Kennedy regelmäßig mit
den Berliner Philharmonikern auf, bald darauf spielte er mit nahezu allen
großen Orchestern und unter allen bedeutenden Dirigenten. 1990 erschien seine
legendäre Einspielung der »Vier Jahreszeiten«, die mit über fünf Millionen
Exemplaren das erfolgreichste Klassikalbum aller Zeiten ist. Kennedys erste
hoch gelobte Einspielung von Elgars Violinkonzert wurde 1985 vom "Gramophone
Magazine" als "Record of the Year" ausgezeichnet. Für seine zweite
Vivaldi-Aufnahme mit den Berliner Philharmonikern erhielt er den ECHO Klassik
in der Kategorie "Beste Einspielung des Jahres für Musik des 18. Jahrhunderts" sowie den österreichischen Klassik Amadeus. Kennedys Aufnahmen der
Violinkonzerte von Bach, Beethoven, Berg, Brahms, Bruch, Mendelssohn, Sibelius,
Tschaikowsky und Walton erreichten Spitzenverkaufszahlen, ebenso seine
Einspielungen von Kammermusik und seine Recital-CDs. Als Musiker, der immer
seine Grenzen auslotet, kehrte Kennedy nach gut 25 Jahren an seine
künstlerischen Wurzeln zurück und beschäftigte sich erneut mit Vivaldis "Vier
Jahreszeiten". Ergebnis dieser Arbeit war das für Sony Classical eingespielte
Album "The New Four Seasons" von 2015. 2016 erschien bei Neue Meister / edel
die CD "My World" und 2018 bei Warner Classics die CD "Kennedy meets Gershwin".